Als weit entfernt wohnende Tante habe ich das Pech meine Nichte nicht oft zu sehen, aber wenn ich sie sehe, dafür umso intensivere Momente erleben zu dürfen. Warum nicht so einen Tag mit Kochen verbringen? Ursprünglich war geplant, nur etwas zu backen und dann einen Ausflug zu unternehmen. Die Idee ein ganzes Abendessen für die Familie zu kochen, kam von der 6-jährigen Luna selbst. Auch die Auswahl der Gerichte übernahm sie, nur die zusätzlichen Fleischbällchen musste ich der überzeugten Vegetarierin abringen. So standen auf der Abendkarte: Rosmarin-Grissini mit Pistazien, Gemüsesuppe und Fleischbällchen. Zum Dessert gab es einen Cranberry-Zitronenkuchen. Als Getränke wurden Sekt, Kindersekt mit Litschi und selbst gemachter Himbeersaft gereicht. Bestimmt kein konventionelles Essen, doch welche 6-Jährige hält schon viel von Konventionen? Es ist erstaunlich, wie viel Zeit wir für die Zubereitung dieser Speisen brauchten. Noch viel erstaunlicher ist, dass Luna über Stunden bei der Sache blieb. Besondere Freude bereitete ihr offensichtlich das Kneten vom Hefeteig: eine chaotische Angelegenheit. Ein weiterer Hit war das Auspressen der Zitronen für den Kuchen mit einer Uralt-Saftpresse.
An der Zubereitung der Fleischklößchen beteiligte sie sich konsequenterweise nicht, aber Blumenkohl und Möhren wurden mit großer Hingabe für die Suppe klein geschnibbelt. Auf Nachfrage, was sie denn in der Küche am liebsten mache, kam die sehr differenzierte Antwort: alles!

Das Highlight des Abends war aber offensichtlich der Kuchen und besonders die Dekoration desselben. Marzipanrosen, Zuckerperlen und kleine Fliegenpilze brachte sie so an, dass jeder möglichst gleich viel bekommen sollte. Gemüsesuppe und Fleischklößchen waren denn auch unwichtig beim Abendessen und meine ungeduldige Nichte wollte möglichst schnell zum Kuchen übergehen. Dieser wurde Mama und Papa bis zum Schluss verschwiegen, um dann mit viel Stolz ins Esszimmer getragen zu werden. Lunas Urteil zum Kuchen: „exzellent!“
Nach achtstündigen Koch-Eskapaden sah Großmamis Küche aus wie ein Schlachtfeld, aber Groß und Klein waren glücklich. Luna schlief in dieser Nacht tief und traumlos. Der Berufswunsch Köchin ist inzwischen zu einem Vielleicht aufgestiegen und hat damit Schauspielerin oder Tierärztin abgelöst.
Fotos: privat


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