Der erste Tag ist geschafft: 70 Biere in sechs Runden

Feierabend nach sechs Verkostungsrunden und 70 Bieren: Alfredo, Brauer aus Brasilien, Journalistin und Bier-Sommelière Sylvia aus Deutschland und ihre Kollegin, Bierjournalistin Melissa aus England (von links).
Gestern abend haben noch die meisten der 180 World Beer Cup-Juroren im renommierten Rock Bottom-Brewpub gefeiert, heute abend ging es etwas ruhiger zu. Der erste Verkostungstag ist rum. Jeder von uns hat seit heute morgen um neun 60 bis 70 Biere getestet. Zu sechst saßen wir an 27 Tischen gleichzeitig verteilt auf neun Sitzungsräume im Chicago Sheraton Hotel & Towers. Alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Fotografieren war selbst den Juroren nicht erlaubt.
Medaillengewinner haben Charakter
Verkosten heißt mit allen Sinnen arbeiten: sehen, riechen, schmecken, fühlen (und hören, aber dazu später mehr). Dabei geht es nicht darum, ein Bier nach persönlichen Vorlieben zu bewerten, sondern zunächst zu prüfen, ob es der Sorte, in der es zum Wettbewerb eingereicht wurde, auch entspricht. Dafür liegen uns Stilbeschreibungen von der Brewers Association vor. Das nächste, worauf wir Biertester achten, sind Fehlgeschmäcker. Ist ein Bier oxidiert kann es papierartig schmecken, hat es einen Gärfehler kann es buttrig riechen oder sauerkrautartige Noten aufweisen. Und schließlich sollten Medaillengewinner auch Charakter und Komplexität besitzen. Ganz schön viele Aspekte, die wir Juroren zu beachten haben.
Ich habe zum Beispiel am Vormittag drei Runden Pilsbiere verkostet – bis zum Finale. In der Vorrunde trennt sich sehr schnell die Spreu vom Weizen. Die meisten Fehler erkennt man schon am Geruch. Ob ein Bier “out of style” ist, zeigte sich einmal schon an der Farbe: Ein hell-kupferfarbenes Bier gehört nun mal nicht in die Kategorie Pils, da waren wir d’accord. Und so konnte sich unsere Verkostungsrunde sehr schnell auf die drei Kandidaten einigen, die wir weiter schickten.
Damit die Brauer wissen, wie ihr Bier angekommen ist, schreiben wir übrigens Kommentare. Einige Juroren haben es sich zur Angewohnheit gemacht, bei aller Kritik immr auch etwas Ermutigendes auf den Bewertungsbogen zu schreiben. Ein kleiner Trost für die, die keine Medaille holen. Und manchmal einfach wichtig: Beispielsweise gab es einige hervorragende Biere, die wir nicht in die nächste Runde schicken konnten, weil sie nicht stilgerecht waren. Das schmerzt selbst die Juroren.
Die Qualität in den Finalrunden, in der die Champions von verschiednen Verkostertischen zusammen kommen, ist sehr hoch. Und dann muss man schon sehr genau hinschmecken: welches Bier hat mehr Charakter, welches ist runder, wo ist die Komplexität am erfreulichsten.
Das Schöne am World Beer Cup ist, dass die Juroren eines Verkostungstisches solange diskutieren, bis sie zu einer einhelligen Meinung kommen. Dieser Austausch ist höchst interessant und trägt zudem sehr zur Geselligkeit bei.
Am Nachmittag habe ich ein einzige Runde “American India Pale Ale” verkostet. Bei der Power an Hopfenaromen (in der Regel fruchtig-blumig) und Bitterwerten (50 bis 50 Bittereinheiten, Pils hat bis zu 40) reicht das auch. Der Gaumen war benommen von dieser Wucht. Trotzdem ein Erlebnis – wie die meisten hier bin auch ich ein “hophead”, eine Liebhaberin des Aromahopfens. Hat man den ersten Bitterschock überwunden, wird man süchtig nach diesem Geschmack!
Ein nicht so ruhiges Abendessen im “The Publican”
Doch so spannend die Diskussionen auch sind, das Biertesten geht auf die Kondition. Immerhin hat man es mit Alkohol zu tun. Juroren probieren zwar nur in kleinen Schlucken – keiner von uns ist sturz betrunken. Dennoch macht der Alkohol müde und benebelt die Sinne. So ist es kein Wunder, dass sich heute abend einige von uns einfach nur auf ihr Zimmer zurück ziehen wollten. Andere sind allenfalls essen gegangen – quietly. Ich habe mit Frieda aus Kaptstadt, Sue aus Milwaukee und Monica aus dem rumänischen Cluj im «The Publican» gegessen, eines der angesagtesten Bierrestaurants in Chicago.
Eine große Halle ausgestattet mit viel Holz und schnörkellosen Tischen und Stühlen. Rustikale Küche modern interpretiert wie etwa verschiedene, abgehangene Schinkensorten mit Ziegenbutter und Bauernbrot, Boudin Blanc in Faro und Biersenf, frittierte Sardinen mit Kapern-Yoghurt-Sauce, geschmorter Schweinebauch mit mariniertem Blumenkohl auf Grütze – uns hat es geschmeckt.
Übrigens: Ein Blick auf die Bierkarte lohnt sich. Auch deutsche Biere sind gut vertreten.
Zur Feier des Tages haben wir Frauen uns jedoch als aller erstes Austern bestellt, dazu selbstverständlich ein Milk Stout. Die lakritzartigen Stout-Geschmäcker haben den Meeresgeschmack der Austern feinsinnig akzentuiert – ein spannendes Geschmackserlebnis.
Lange haben Frieda, Sue, Monica und ich es dennoch nicht im Publican ausgehalten. Das lag vor allem daran, dass die Halle, in der wir saßen, zwar schön gestylt aber akustisch leider katastrophal war. Zum Genuss gehört eben auch der fünfte Sinn, das Hören. So sind wir im wahrsten Sinne des Wortes zugedröhnt zurück ins Hotel gefahren.
Morgen müssen wir wieder um neun Uhr an den Verkostungstischen sitzen. Oatmeal Stout, Scottish Ale, Tropical Lager und Wood-and-Barrel-Aged Sour Beer steht auf meinem Plan. Na, denn man Prost!



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