essen & trinken – Redaktionsblog

Revoluzzer am Sudkessel

Sylvia Kopp Sylvia Kopp
9. April 2010
1 Kommentar

Popskull

Graffiti und Fässer bei Three Floyds

Graffitis, Tattoos, Death Metall Music und eine gewisse Aufsässigkeit gehören zum Image der Brauerei „Three Floyds“ in Munster, Indiana, etwa eine Autostunde von Chicago entfernt. Dies drückt sich aus in der Eigenwilligkeit der Namen, die sie ihren Bieren geben (Dark Lord, Apocalypse Now oder Pride & Joy) sowie in der cartoon-artigen Gestaltung der Etiketten und der Website. Aufs Bier bezogen, bedeutet das: „Wir sind bestrebt, kompromisslos qualitativ hochwertige Ales und Lagerbiere zubrauen”, so Three-Floyds-Brauer Barnaby Struve. Und wahrlich, alles, was ich in der Brauerei probiert habe, war gut ausblanciert, sauber und mit frischem Ausklang – das Alpha King Pale Ale ebenso wie das in Bourbon Barrels gereifte Popskull.

ThreeFloyds

Three-Floyds-Brauer Barnaby Struve

Resist, Rebel, Revolt

Mit ihrem Qualitätsanspruch widersetzen sich Three Floyds wie viele der neuen amerikanischen Brauer vor allem der Industrie, die mit der Massenproduktion wässrigen Biers den US-Markt dominiert. Und so findet man unter den 1400 Craft Brewers der USA einige, die das Image der Aufsässigkeit pflegen. Neben Three Floyds gehören zu den bekannten Revoluzzern ferner Flying Dog aus Maryland und Stone aus Südkalifornien.

Übrigens: Three Floyds erfüllt den hohen Qualitätsanspruch unter anderem mit einer ebenso ungewöhnlichen wie kostspieligen Methode: Sie drücken die Würze und das Jungbier mit Kohlendioxid durch die Anlage: vom Sudkessel zum Gärbottich und von dort in den Lagertank. Dadurch kommt das Bier nicht in Kontakt mit Sauerstoff: Oxidation wird vermieden.

Große Tonnen bei Two Brothers

Große Tonnen bei Two Brothers

Keine Brauerei ohne Barrels

Beeindruckend ist die Braustätte von „Two Brothers“ in Chicago: Stahlkessel und riesige Holztonnen. Auch hier zeigt sich: „Wood- and Barrel-Aged“ ist der Trend! Two Brothers haben sich riesige Holzfässer bauen lassen. Die Innenauskleidung ist auswechselbar. Sollten die Eichenholzstäbe einmal ausgelaugt sein, kann man sie durch frische ersetzen.

Two Brothers legen nicht nur Starkbiere aufs Fass: Ihr neues „Long Haul Session Ale“ (5 Volumenprozent Alkohol) ist erfrischend und komplex zugleich.


Empfang in der Braustätte von Goose Island

Empfang in der Braustätte von Goose Island


Fässer wohin das Auge blickt

Sieht so eine Brauerei aus? – Die Wände der riesigen Lagerhalle der Goose Islands Brewery sind voll mit Fässern. Gestern gab die renommierte Chicagoer Brauerei einen Empfang für alle Teilnehmer der „Craft Brewers Conference“ (CBC), die parallel zum World Beer Cup läuft. Wahnsinn.

Was Image und Gestaltung betrifft, so setzt Goose Island eher auf Eleganz und Prestige – wie man an den Flaschen sieht. Ähnlich auch die Brooklyn Brewery oder Ommegang beide aus dem Bundesstaat New York.

Sofie und Matilda von Goose Island

Sofie und Matilda von Goose Island

“Braut mehr Lager”

Ein CBC-Vortrag von Dr. Michael Lewis, Professor der Brauwissenschaft in Kalifornien, provozierte die neuen amerikanischen Brauer ziemlich. Lewis argumentierte, dass Bier vor allem erfrischend und gut trinkbar sein sollte. Seiner Meinung nach sind die geschmacksstarken, oftmals höher alkoholischen und/ oder extrem bitteraromatischen Biere nur was für Freaks. Es mangele diesen Bieren an „Drinkability“ (Die kürzeste deutsche Übersetzung dafür ist wohl „Süffigkeit“).

Die meisten Konsumenten könnten deshalb mit diesen geschmacksstarken Kreativbieren nichts anfangen. Zwischen den wässrigen Lagerbieren (untergärige Biere) der Industrie und den Extrembräus der neuen amerikanischen Brauer klafft laut Lewis eine Lücke. Sein Appell an die Konferenzteilnehmer: „Braut hochwertiges Lager, denn das ist, was die Mehrheit der Konsumenten bevorzugt!“

In der Tat haben die neuen US-Brauer bisher vor allem Ales, also obergärige Biere, hergestellt. Und es wäre interessant, wenn sie ihr Können auch stärker mit Bieren der untergärigen Brauart unter Beweis stellten. Trotzdem sind die von Lewis kritisierten Extrembiere eine Bereicherung der Bierkultur. Sie inspirieren Brauer auf der ganzen Welt. Und wer will abstreiten, das ein „Barrel-Aged Imperial Stout“ mit über zehn Volumenprozent Alkohol nicht bestens nach einem guten Essen als Degestif trinkbar wäre. – Bier schmeckt eben nicht nur auf dem Oktoberfest!

Was die deutsche Bierkultur betrifft, so haben wir genau diese ebenso interessanten wie süffigen Lagerbiere, die Lewis von den Amerikanern einfordert – und darauf dürfen wir stolz sein! Man denke nur an die vielen, einzigartigen fränkischen Landbiere. Was in Deutschland aber fehlt, sind hochwertige Produkte, die mit besonderem Aufwand hergestellt sind, und die das Image und die Wertigkeit des Bieres heben. Zum Glück gibt es aber Brauer wie etwa Markus Lohner von Camba Bavaria, die mit ihren Kreationen hier einen Anfang setzen.

Kommentare (1)

  1. Ober- oder untergärig – da bin ich ganz Agnostiker. Hauptsache, das Bier paßt zum Anlaß und schmeckt!

    Was aber für amerikanische Craft Brewer wirklich eine neue Herausforderung darstellen könnte: Session-Biere. Biere mit 3–5% vol. alc., die trotzdem Charakter haben. Die man auch in etwas größeren Mengen einen geselligen Abend lang trinken kann. Also die Art Bier, die traditionell die Kernkompetenz deutscher und britischer Brauereien gewesen ist (und gerne bleiben darf). In dieser Rubrik gelungene Innovationen zu finden — das wäre die wirkliche Königsdisziplin!

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