essen & trinken – Redaktionsblog

Grande Finale – aber im Eiltempo

Sylvia Kopp Sylvia Kopp
11. April 2010
1 Kommentar

Medaillenregen: Roland Andre, Sabine Bauer, Max Bauer von der Distelhäuser Brauerei, Charlie Papazian von der Brewers Association (v. li.)

Medaillenregen: Roland Andre, Sabine Bauer, Max Bauer von der Distelhäuser Brauerei, Charlie Papazian von der Brewers Association (v. li.)

Sabine Bauer konnte gleich auf der Bühne stehen bleiben. Kaum hatte die Inhaberin der Distelhäuser Brauerei zusammen mit Geschäftsführer Roland Andre eine Goldmedaille für ihren Frühlingsbock entgegen genommen, da wurde ihre Brauerei für zwei weitere Preise ausgerufen: Bronze für das Distelhäuser Kristallweizen und Bronze für das Dunkle Weizen. Und das war noch nicht alles! Auch in der Kategorie „Leichtes Weizen“ sahnten die Tauberbischofsheimer eine Silbermedaille ab. Herzlichen Glückwunsch! Die Preisverleihung  des World Beer Cups 2010 fand gestern im Beisein von rund 2000 Gästen im großen Ballsaal des Sheraton Hotel & Towers in Chicago statt – Abschluss und Höhepunkt des weltgrößten Bierwettbewerbs, der sogenannten Olympiade der Biere. 3330 Biere von 642 Brauereien – mehr als jemals zuvor – hatten sich in der vergangenen Woche dem Urteil einer international besetzten Jury gestellt. Das Ergebnis durfte nun gefeiert werden. An über 200 festlich gedeckten Tischen genoss das Publikum zunächst ein außergewöhnliches Biermenü. Dann verkündete Competition Manager Chris Swersey geradezu im Gallopp die Medaillengewinner. Immerhin wurden 268 Auszeichnungen in 90 Kategorien vergeben – da darf man nicht bummeln. Deutschland spielte vorne mit. Mit 186 eingereichten Bieren sind wir nach den USA (mit unschlagbaren 2371 Anmeldungen) das stärkste Teilnehmerland. Neun Prozent der deutschen Biere, also 16 an der Zahl, wurden mit Ausszeichnungen belohnt:

Ausgezeichnet: Anton Miller und Michael Plank

Ausgezeichnet: Anton Miller und Michael Plank

Michael Plank beispielsweise konnte seinen Titel erneut verteidigen. Zum fünften Mal nacheinander gewann der Brauer aus Laaber bei Regensburg Gold für seinen Hellen Weizenbock. Auch das berühmte „Weltenburger Kloster Barock Dunkel“ setzte sich durch: Braumeister Anton Miller freute sich über Silber . Gold für „Gold“: Der gebürtige Amerikaner und Braumeister der Schönramer Brauerei Eric Toft nahm die höchste Auszeichnung für das Schönramer Gold in der Kategorie Oktoberfestbiere entgegen. Zweifach dürfen daheim Unertl aus Mühldorf in Bayern und die Alpirsbacher Klosterbräu jubeln: Die Weißbierbrauerei bekam Silber für ihr Dunkles Weizen und für ihre Leichte Weisse, während die Schwarzwaldbrauerei Bronze für ihr Weihnachtsbier sowie für ihr Kloster Starkbier holte. Fast die Hälfte aller deutschen Medaillen gehen an bayerische Brauern. Lediglich die Stralsunder Brauerei hält die Fahne für Norddeutschland hoch: Sie gewann Gold für ihr Störtebeker Bio 1402. Wenigstens ein Glanzpunkt im Norden!

Herzlichen Glückwunsch an Eric Toft, Michael Plank, Anton Miller, Roland Andre, Max Bauer, Sabine Bauer

Mitte: Charlie Papazian; Herzlichen Glückwunsch an Eric Toft, Michael Plank, Anton Miller, Roland Andre, Max Bauer, Sabine Bauer

Allerdings verrät der Medaillenspiegel, dass diesmal ein Drittel weniger Auszeichnungen als 2008 nach Deutschland gehen. Liegt es am Heimvorteil oder an der zunehmenden Qualität der amerikanischen Biere? – Auffällig war, dass sich die Amerikaner in vielen klassischen Kategorien nach vorne drängen. So sind die Stile Märzen, Schwarzbier, Bock, Doppelbock, Kölsch und Alt, ja selbst Sauerbier (Berliner Weisse, Leipziger Gose) fest in amerikanischer Hand. „Deutsches Pils“ wird angeführt vom Pilsner der Sierra Nevada Brewing Company. Nicht wenige sind der Meinung, dass dies damit zusammenhängt, dass die Proben zwei Monate vor dem Wettkampf in den USA eintreffen mussten. Sie wurden zwar sachgerecht bei Anheuser Busch in St. Louis gelagert und dann ebenso sachgerecht zum Austragungsort transportiert, aber im Hinblick auf die lange Anlieferungsdauer aus Übersee könnte der Frischefaktor zum Vorteil der Amerikaner gereichen. Mag sein oder nicht, eine der beiden Brauerein mit den meisten Goldmedaillen (jeweils drei) kommt jedenfalls aus Übersee: Die Baird Brewing aus Numazu in Japan. (Die andere ist Ballast Point aus Kalifornien.)

Endlose Tischreihe auf Gala Awards Dinner

Endlose Tischreihe auf Gala Awards Dinner

Was die Gestaltung des Abends betrifft, so fällt auf, dass es an Festlichkeit mangelte: Die Ansprache des Präsidenten der Brewers Association und WBC-Gründers Charlie Papazian fiel diesmal kurz und knapp aus. Das Menü, das Chefkoch Sean Z. Paxton und Biersensoriker Randy Mosher kreiert haben, traf geschmacklich nicht immer auf den Punkt.  Gut waren Details wie mit Amarillo-Hopfen geröstete Nüsse, mit Cascade-Hopfen gewürzter Honig oder Sauer-Ale-Gelee, die hervorragend zur Käse- und Wurstplatte passten. Nicht so gelungen war der zweite Gang „The Bitterness in All of Us“. Endiviensalat und Raddicchio mit hopfen-aromatisierten hartgekochten Eiern und einer India-Pale-Ale-Vinaigrette – das wog nicht nur nach meinem Geschmack zu schwer auf der bitteren Seite, die zwei gegrillten Cherrytomaten auf meinem Teller konnten das nicht ausbalancieren. Zudem wurden die Gänge im Eiltempo auf- und wieder abgetragen. Aber so ist Chicago:  eine rasante Metropole!

Für mich geht eine intensive Zeit zu Ende mit vielen neuen Erfahrungen. Die spannendste Entdeckung: Die Renaissance der Sauerbiere! Das köstlichste und angenehmste Sauerbier, das ich außerhalb Belgiens je getrunken habe, war „Temptation“ von der Russian River Brauerei aus Nordkalifornien. Brauer Vinnie Cilurzo hat aufgrund des großen Interesses seiner Kollegen an dieser Brauart für das kommende Jahr eine Konferenz in seiner Braustätte einberaumt. Das sind tolle Aussichten! Ich freue mich über diese Bereicherung der Bierkultur und darüber, dass die faszinierend einzigartigen Biere dieses Stils aus ihrem Nischendasein erlöst werden und zu neuen Ehren gelangen. Es lebe die Braukunst!

Good Bye, Chicago! Der Blick aus meinem Hotelzimmer morgens um fünf.

Good Bye, Chicago! Der Blick aus meinem Hotelzimmer morgens um fünf.

Kommentare (1)

  1. Schönen Dank für den ausführlichen Bericht.

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