essen & trinken – Redaktionsblog

Geheimnisvolles Sternerestaurant

Philippa Schmidt Philippa Schmidt
14. Dezember 2010
1 Kommentar

Ca. 300 Meter von meinem Elternhaus, in der Nähe von Zürich, befindet sich das Gourmetrestaurant Kunststuben, das seit 1989 zwei Michelin-Sterne vorweisen kann. Bei uns zu Hause wurde immer gut und gerne gegessen, auch oft auswärts. Doch Sterneküche war eher eine Nummer zu groß für uns. Einmal allerdings, als ich zwei Jahre alt war, wurden meine Eltern von Freunden in „Petermann’s Kunststuben“ eingeladen. Und erstaunlicherweise wurde Klein-Philippa nicht dem Babysitter anvertraut – nein, ich durfte mit! Leider kann ich nicht mehr jedes kleinste Detail von meinem damaligen Besuch wiedergeben, auch zum Wein an diesem Abend kann ich mich an dieser Stelle nicht auslassen. Was allerdings geblieben ist, ist die Geschichte von meinem Ausflug in die Küche. Schnurstracks und zielstrebig sei ich mit meinen kurzen Beinchen in die Küche gekrabbelt.

kunststuben

Die Inneneinrichtung in den Kunststuben wurde von Designer Carlo Rampazzi gestaltet

Was ich dort entdeckt habe, muss gut geschmeckt haben, denn von nun an, sei ich noch eine ganze Weile immer, wenn wir am Restaurant vorbei spazierten, ausgerissen und hätte mich an der Hintertüre von den erstaunten Köchen mit Köstlichkeiten versorgen lassen, so erzählt es zumindest meine Mutter. In den Kunststuben gegessen haben wir allerdings bis vor kurzem nicht mehr. So wurde das Restaurant zum Mysterium für mich: Es war immer präsent, aber was hinter den Mauern vorging, blieb geheimnisvoll. Da ich gutes Essen und auch Sterneküche inzwischen nicht mehr an der Hintertüre abholen muss, stieg mein Interesse an „Petermann’s Kunststuben“ wieder. Dennoch blieb eine gewisse Scheu und schließlich war es meine Mutter, die zum Telefonhörer griff und einen Tisch für uns reservierte.

Unsere Stimmung schwankt zwischen Neugierde und Skepsis, als wir an besagtem Abend Rico’s Kunststuben betreten. Bis zum Sommer 2010 hatte Horst Petermann das Restaurant geleitet und bekocht, inzwischen hat jedoch sein Küchenchef Rico Zandonella das Szepter übernommen, während Petermann in die zweite Reihe gerückt ist. Nicht nur die Leitung, auch die Einrichtung ist neu und im modernen Boudoir-Stil durchaus provokant. Herzstück des Restaurants ist eine knallrote Chesterfield-Wand. Für mich steht allerdings ganz klar das Kulinarische im Vordergrund. Glücklicherweise sieht der Service das genauso und agiert offen und freundlich, ohne aufdringlich zu sein. Als Auftakt gönnen wir uns einen Rosé-Champagner von Deutz, dazu gibt es Amuse Bouches, kleine Köstlichkeiten wie weißer Thunfisch mit Gurkentatar oder ein Cannellono mit Kaninchen und Trüffel. Mein absolutes Highlight ist die Vorspeise: “Hummersalat mit Feigen und glasierten Maronen”. Das zarte Aroma des Hummers, die fruchtige Feige und der warme, erdige Geschmack der dünn gehobelten Maronen harmonieren wunderbar. Als ausgemachter Tollpatsch bin ich besonders froh, dass der Panzer vom Hummer schon entfernt worden ist.

kunststuben-fassade

Rico's Kunststuben in Küsnacht liegen einen Steinwurf vom Zürichsee entfernt

Als Hauptgang wähle ich „Rinderfilet mit Trüffeljus und Raviolo mit Sellerie und Trüffel“. Auf dem Teller erwartet mich nicht ein kleines Stück Fleisch, sondern ein Filet, welches weder von der Quantität noch von der Qualität zu wünschen übrig lässt. Die Ravioli machen „bella Figura“ und schmecken unglaublich gut, wobei der Trüffel naturgemäß den Sellerie dominiert. Begleitet wird unser Mahl von einem St. Saphorin vom Genfersee, einem Weißwein, der auf den zweiten Schluck schmeckt. Als Abschluss darf ein Dessert nicht fehlen, weswegen alsbald „Ananaskrapfen mit Gewürzsauce, Kokoscrème und Bananen-Zitronen-Milchshake“ kredenzt werden. Die frittierten Krapfen erinnern vom Äußeren an Pommes: eine Ähnlichkeit, die gewollt erscheint. Geschmacklich sind sie hingegen knusprig-leicht, fruchtig und gar nicht fettig. Die Gewürzsauce mit Ingwer und der Milchshake mit einem Schuss Kokoslikör ergänzen das Potpourri der Aromen: Gut, dass das Gericht nicht mehr Komponenten enthält. Petit Fours und eine nette Plauderei mit Rico Zandonella runden den Abend ab.

Wir sind alle glücklich, satt und angenehm überrascht vom freundlichen, hilfsbereiten Service - die Skepsis hat sich in Luft aufgelöst. „Rico’s Kunststuben“ ist ein tolles Restaurant für Sterneanfänger, denn hier steht wirklich gutes saisonales Essen ohne jegliche Effekthascherei im Mittelpunkt. Wobei ein ganz klein bisschen mehr Mut zum Experiment auch in „Rico’s Kunststuben“ nicht schaden würde. Trotz der lockeren Atmosphäre habe ich mich dieses Mal allerdings nicht getraut, in die Küche zu krabbeln.

Rico’s Kunststuben, Seestraße 160, 8700 Küsnacht, Schweiz, Telnr. 0041/44 910 07 15

Fotos: Rico’s Kunststuben, Philippa Schmidt

Kommentare (1)

  1. Vielen Dank für den tollen Tipp. Ich bin zwischen Weihnachten und Neujahr in Zürich und werde das Lokal mal ausprobieren.

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