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Bierverkostung mit BrewDog

Deutsches Bier genießt ein hohes Ansehen rund um den Globus. Das Reinheitsgebot von 1516 gilt als die älteste lebensmittelrechtliche Bestimmung der Welt. Doch was einerseits als lobenswerte und qualitätssichernde Richtlinie betrachtet werden kann, führt in der Gegenwart leider manchmal zu einer gewissen Rückwärtsgewandtheit der alteingesessenen Brauer. Das “Bierland Hamburg” lud am 13. Mai zu einer besonderen Bierverkostung in der Soul Kitchen Halle in Wilhelmsburg ein, wo bewiesen wurde, dass der traditionelle Ansatz des Bierbrauens verrückte Ideen nicht ausschließen muss. Vorhang auf für BrewDog!

BrewDog-Logo

BrewDog-Logo

Die Brauerei BrewDog liegt direkt an der Küste von Fraserburgh im Nordosten Schottlands. James Watt und Martin Dickie waren gerade 24 Jahre alt, als sie sich dazu entschlossen, furchterregende Kredite aufzunehmen um eine eigene Brauerei zu gründen. Das war im Jahre 2007. Nur vier Jahre später läuft die Produktion in Fraserburgh 24 Stunden am Tag und eine zweite Brauerei ist in Planung. Mehrere BrewDog-Sorten räumten Goldmedaillen beim World Beer Cup ab. Sogar René Redzepi, Chefkoch des besten Restaurants der Welt NOMA, nahm BrewDog-Biere auf seine Getränkekarte.

James und Martin haben ihre ganz eigene Firmenphilosophie: Sie brauen bewusst Biere, die sich von den gängigen Sorten und Marken deutlich unterscheiden. Verrückte Biere mit ungewöhnlichen Hopfen- und Malzsorten, grellen Designs und Namen wie “Tactical Nuclear Penguin” oder “Royal Virility Performance” (ein laut eigener Aussage Potenz-steigerndes Bier, das speziell für Prinz William zum Anlass seiner Hochzeit gebraut wurde). Im Gegensatz zu vielen anderen individualistischen Kleinbrauern außerhalb der deutschen Grenzen legen sie dabei großen Wert auf Reinheit und Natürlichkeit. Sie brauen nach dem deutschen Reinheitsgebot und erreichen ihre Vorstellungen durch die Kombination besonderer Malz- und Hopfensorten, die sie aus aller Welt beziehen. Auf diese Art und Weise wollen sie ein Bewusstsein dafür schaffen, dass niemand auf die meist charakterlosen Biere der Industriebrauereien angewiesen ist, wenn man genauso gut auf die hochwertigeren und spannenderen Biere handwerklicher Kleinbrauereien zurückgreifen kann. Sie wollen die “Craft Beer Revolution”.

Direkt aus dem Büro mache ich mich am 13. Mai auf den Weg in das Industriegebiet von Wilhelmsburg, um ja nichts zu verpassen. Doch die Eile erweist sich als unnötig: vor der Soul Kitchen Halle sitzt nur eine Handvoll Leute auf abgewetzten Couchen, die sich bei einer Zigarette die Abendsonne in Gesicht scheinen lassen. Esther von “Bierland” begrüßt jeden Gast mit einem breiten Lächeln, nach und nach trudeln die etwa 90 Gäste ein. Aus den Boxen schallt schottische Rockmusik im Wechsel mit britischen Punk-Klassikern aus den 70ern. Auf einem Beamer werden kurze “Werbespots” gezeigt, in denen James und Martin mit reichlich britischem Humor ihre Biersorten präsentieren – und den Bierflaschen der wenig gelittenen Großbrauereien auch schon mal mit Bowlingkugeln, Golfschlägern und Gewehren zu Leibe rücken.

Neil von BrewDog

Neil von BrewDog

Vor dem Start der Bierprobe stand noch der Gang zum Buffet aus. Eine Käseplatte, reichlich eingelegtes Gemüse, Cocktailwürstchen, Chicken Nuggets – was aus kulinarischer Hinsicht eher unspektakulär wirkte, bildete eine ausgezeichnete Grundlage für den weiteren Abend, schließlich sollten insgesamt sieben Biere verkostet werden. Und Neil, der von BrewDog abgesandte Gastgeber, dachte gar nicht daran, immer nur ein Schlückchen zu servieren – wer konnte und wollte, hatte am Ende auch sieben leere Flaschen vor sich stehen.

Die Verkostung beginnt mit dem “77 Lager“, laut Neil das am wenigsten verrückte Bier aus dem Hause BrewDog. Trotzdem werde man überrascht sein, ein Lager zu trinken, das tatsächlich nach etwas schmeckt. Er sollte Recht behalten. Das „77 Lager“ ist ein unkompliziertes, aber in allen Belangen überzeugendes Bier. Erfrischend und vollmundig, was bei einem gewöhnlichen Lager nicht gerade selbstverständlich ist. Ein guter Einstieg, aber auch nicht mehr als das – mit den vor Selbstvertrauen strotzenden Videos hatten die BrewDogs die Messlatte hoch angelegt.

Zum 77 Lager-”Werbespot”

Schon beim folgenden „Zeitgeist“ blitzte die Klasse zum ersten Mal auf. Ein wohlwollendes Raunen ging durch die Reihen, es herrschte Einigkeit an den langen Tafeln. Das „Zeitgeist“ ist ein dunkles Lager, vielleicht ein wenig dünn, dafür mit prägnanten Malz- und Kaffeenoten. Auch Neil zeigte sich dementsprechend begeistert. Wenn er erzählt, dass er von diesem Bier auch gerne mal mehr als nur ein paar trinkt, glaubt man ihm aufs Wort.

Das folgende „Trashy Blonde“ fällt weniger durch ausgefallenen Geschmack als durch die ausgefallene Gestaltung auf. Laut Beschreibung wird das „neurotische, wasserstoffblonde Ale“ mit aus Amerika importiertem Hopfen und aus Alice’s Wunderland importierter Fantasie gebraut. Das Ergebnis ist ein erfrischendes Sommerbier mit einem niedrigen Alkoholgehalt von 4.1%. Es sollte sich als die Ruhe vor dem Sturm erweisen.

5 A.M. Saint

5 A.M. Saint

5 A.M. Saint“ ist ohne Umschweife eines der aufregendsten Biere, das ich jemals getrunken habe. Ein tiefrotes Ale, dessen Duft allein schon schwer verlockt. Neil erklärte, dass die Hopfenmenge beim Brauen geradezu lächerlich hoch ist. Trotzdem ist das Bier nicht zu bitter, da ein großer Anteil des Hopfens erst gegen Ende des Würzekochens zugefügt wird und somit mehr Aromen statt Bitterstoffe freisetzt. Beim ersten Schluck entfaltet sich ein ganzer Obstgarten im Mund. Abgelöst werden die intensiven Orangen- und Grapefruit-Noten durch einen scharfen, trockenen Abgang. Die Aussage, dass das „5 A.M. Saint“ ein „Love-it-or-hate-it“-Bier sei, schien sich zu bewahrheiten: an den Tischen wechseln sich Missmut und Begeisterung munter ab.

Punk IPA

Punk IPA

Das „Punk IPA“, ein Indian Pale Ale, zeigt sich weniger kontrovers. Ebenfalls ausgestattet mit kräftigen Aromen tropischer Früchte, ist es mit seiner leichten Süße etwas weniger fordernd als das „5 A.M. Saint“. „Punk IPA“ ist das erfolgreichste Bier aus dem Hause BrewDog, was wenig verwundert.

Neil steht auf der Bühne, in seiner Hand das nächste Bier. Seine Sätze werden langsam ein wenig unkoordinierter, sein Cockney-Akzent wird mit jedem Bier ein wenig stärker. Dabei stehen erst jetzt die zwei stärksten Gebräue des Abends an. Das „Paradox Smokehead“ ist ein Imperial Stout mit mächtigen 10% Alkoholgehalt. Es wird gelagert in alten Fässern der Islay-Destillerien, was jeden Whisky-Liebhaber zum Frohlocken bringen dürfte. Das robuste Bier mit dem rauchigen Aroma ist zu diesem Zeitpunkt des Abends ein starkes Stück, trotzdem kann kaum jemand der Neugier widerstehen. Definitiv kein Bier für jede Gelegenheit, aber allemal spannender als ein gewöhnliches Guinness.

Paradox Smokehead

Paradox Smokehead

Den feierlichen Abschluss bildet das preisgekrönte Indian Pale Ale „Hardcore IPA“, welches die Verkoster noch einmal polarisiert. Wie das „5 A.M. Saint“ zieht es seine kräftigen, fast schon aufdringlichen Aromen aus einer enormen Menge an Hopfen. Dabei geht der Geschmack durch das herausragende Beerenaroma und eine ausgeprägte Karamellnote in eine völlig andere Richtung als alle anderen Biere zuvor. Bei einem Alkoholgehalt von satten 9,2% können aber nur noch die gestandenen Biertrinker im Saal mehr als ein paar zaghafte Schlückchen genießen.

Zum Hardcore IPA-”Werbespot” (Hinweis: beim Dreh sind keine Tiere zu Schaden gekommen.)

Die Verkostung ist beendet und der Abend geht von einer ohnehin schon gemütlichen Runde in eine handfeste Party über. Die Teilnehmer machen sich nach und nach auf wackeligen Beinen auf den Heimweg. Ich nehme noch ein “5 A.M. Saint” mit, obwohl diese Verkostung bestimmt nicht meine letzte Begegnung mit BrewDog gewesen sein wird. Geht man nach dem alten Leitsatz “Qualität setzt sich durch”, besteht kein Zweifel, dass die sympathischen Schotten schon bald ihre Interpretation von Punk in die Kneipen Europas tragen werden. Cheers!

Erhältlich sind die BrewDog-Biere bei Bierland und anderen Fachhändlern, sowie in ausgewählten Online-Shops wie Bierzwerg.

Fotos: BrewDog, privat

Kommentare (4)

  1. klingt lecker :) würde auch gerne mal mehr “neue” Biere entdecken, leider wird einem in den meisten Restaurants/Getränkemärkten nur das übliche angeboten :(

  2. Ein Grund mehr, das Bierland in Hamburg noch einmal ausdrücklich zu loben! ;) Ohne die unbezahlte Werbung zu sehr ausufern zu lassen: Um eine solche Auswahl noch einmal zu finden, muß man in Norddeutschland schon sehr weit fahren. Bis nach Berlin nämlich. Oder ins befreundete Ausland. Die Dänen, Belgier und Niederländer sind uns, was die Biervielfalt betrifft, meilenweit voraus (bei den Bierpreisen andererseits allerdings auch). Die Nicht-Geltung des bayerischen Reinheitsgebots hat eben auch seine Vorteile!

    Aber langsam tut sich was: dafür steht nicht nur der Markteintritt von BrewDog (und ich hoffe darauf, daß die Jungs in Schottland bald mal genug Trashy Blonde für den Kontinent bereitstellen…), sondern z.B. auch das Festival der Bierkulturen in Köln-Ehrenfeld, das Mitte Mai zum immerhin zweiten Mal stattgefunden hat. Wenn das die Avantgarde war, müssen wir uns über die Zukunft keine Sorgen machen! Ich sag’ nur: Zitronenmelisse-Bier. Stout-Gueuze. “Berliner” Weiße (diese hier kam aus Leipzig) mit Brettanomyces-Flaschengärung. Undundund. (Wo war Essen und Trinken da eigentlich!?)

  3. [...] schottische Brauerei BrewDog macht sich in Deutschland immer mehr einen Namen. Nach der Biertasting Party in Hamburg, gibt es nun immer mehr deutsche Kneipen und Bars, die auf das Bier der Jungs aus Schottland [...]

  4. Hört sich sehr interessant an. Die “Rückwärtsgewandtheit” hat jedoch offenbar nichts mit dem Reinheitsgebot zu tun, da sich auch BrewDog – wie geschrieben – daran hält. Die Macher von BrewDog sind jedoch Meister des Marketings und nutzen dafür alle Kanäle, insbesondere das Internet. Davon sind die meisten Brauereien in Deutschland noch weit von entfernt, auch in Bayern.

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